Dominic Nahr "Blind Spots"

Darf ein schreckliches Bild schön sein?

Behelfsmässige Unterkünfte im Madina-Camp in Mogadischu. Zahlreiche Menschen aus ländlichen Gebieten suchten während der Hungersnot in Mogadischu Zuflucht. In der Hoffnung auf Sicherheit und Lebensmittel siedelten sie sich auch nahe dem Flughafen an. © Dominic Nahr, Somalia, 2011

Seit zehn Jahren berichtet der 33-jährige Dominic Nahr von Krisenherden Afrikas. Die Fotostiftung Schweiz in Winterthur widmet dem Fotografen eine Ausstellung. Und greift das Dilemma der Kriesenbilder auf.

Ohne Zweifel, die Bilder von Dominic Nahr berühren. Sie sind fotografische Meisterwerke und zugleich Dokumente schrecklicher Taten und Zustände. Da liegt zum Beispiel der leblose Körper eines Soldaten in einer Öllache in der sich auch Himmel und Wolken spiegeln. Da sucht eine Familie Schutz in einem Sumpfgebiet. Oder da hören Frauen in einem Vertriebenenlager Lautsprecheransagen von Organisatoren des Camps zu.

Die Fotografie im medialen System

Die Ausstellung „Blind Spots“ führt die Besucher in vier afrikanische Staaten: Südsudan, Somalia, Mali und die Demokratische Republik Kongo. Dominic Nahrs Aufnahmen zeigen dabei nur selten direkte Gewalt – was sie für den Besucher teilweise umso bedrückender macht.

„Nahr vermittelt Befindlichkeiten und Stimmungen, die weder in Worte noch mit Statistiken zu fassen sind“, schreibt die Fotostiftung in ihrer Vorschau zu diesen Bildern, die sonst via Presse um die Welt gehen und oft einfach durchgeblättert werden.

Zu Recht fragt die Ausstellung deshalb auch nach dem Stellenwert der Fotografie im medialen System und bei der Darstellung von Not und Schrecken: „Was kann, was muss eine Fotografie zeigen? Und welche Formen braucht sie, um unsere Aufmerksamkeit zu erlangen?“, so die Denkanstösse.

Stereotypen und blinde Flecken

„Die Schwelle für Beiträge aus Afrika liegt in vielen Redaktionen derart hoch, dass ein durchsetzungsfähiger Nachrichtenwert oft nur Katastrophen, Kriege und Krisen beinhaltet“, argumentieren die Ausstellungsmacher. Gleichzeitige gehe die Gefahr der Stereotypisierung einher mit einer Ermüdung des Publikums aufgrund sich gleichender Negativschlagzeilen aus Afrika.

Mit Verweis auf den Titel „Blind Spots“ sprechen sie weiter „die erodierende Glaubwürdigkeit bildjournalistischer Dokumente an“ und erkennen einen Verlust an journalistischer Afrika-Kompetenz und Berichterstattungsvielfalt. „Das mediale System weist blinde Flecken auf – Wahrnehmungslücken, Verdrängungsmechanismen und Abhängigkeiten“, heisst es in der Vorschau.

Das Dilemma schrecklicher Bilder

Für den Betrachter scheint allerdings ein in der Ausstellung ebenfalls diskutierte Dilemma noch von grösserer Bedeutung zu sein: Wie schön dürfen schreckliche Bilder sein. „Können wir sicher sein, nicht einer Art dunklen Faszination anheimzufallen? Verfehlen die Bilder ihre Wirkung, wenn sie ein negatives, altbekanntes Afrika-Bild wiederholen?“ Oder: „Neutralisiert der ästhetische Konsum ihre Wirkung?“

Mit diesen Fragen will die Ausstellung in einem Prolog zum Nachdenken über die Darstellung und Wahrnehmung von Afrika anregen. Und das scheint zu gelingen. Sie schafft es, den Betrachter anzuregen, sich mit dem Umgang der Medien mit solchen Bildern auseinanderzusetzten. Und gibt damit der reinen Fotoausstellung, die hier an sich schon sehenswert ist, eine zusätzliche Dimension.

Die Ausstellung läuft seit dem 20. Mai und noch bis am 8. Oktober. Infos: www.fotostiftung.ch

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