Fotograf*innen in der Corona-Pandemie

Von finanziellen Einbussen, Behörden-Frust, neuen Ideen und Zuversicht

Tabea Hüberli, Micha Riechsteiner und Florian Spring berichten über die Auswirkungen von Corona auf ihr Leben als Fotoschaffende. Fotos: zvg

Für viele Fotograf*innen begann mit den Massnahmen gegen die Corona-Pandemie eine schwierige Zeit. 42mm.ch fragte Tabea Hüberli, Micha Riechsteiner und Florian Spring wie es ihnen geht. Die drei berichten von finanziellen Einbussen, organisatorischen Herausforderungen und der psychischen Belastung. Aber auch vom Neustart, gepflegten Freundschaften und Zuversicht.

Am 6. März fotografierte Tabea Hüberli ihr vorerst letztes Konzert. Die Winterthurerin ist eine Art Hausfotografin vieler Schweizer Bands. Sie macht die Promo-Bilder, ist bei der Entstehung neuer Alben dabei und später bei den wichtigen Konzerten. Am 6. März begleitete sie die Band «Troubas Kater» beim Auftritt im Luzerner Kulturlokal Schüür.

«Es herrschte eine sehr schöne Stimmung, obwohl das Konzert bereits unter erschwerten Bedingungen stattfand», erinnert sich Hüberli. In Vorahnung des kommenden Lockdowns wurde die Musik noch einmal genossen. «Wir sehen uns im Sommer», lautete damals die hoffnungsvolle Verabschiedung.

Tabea Hüberli: Langes Warten auf die Hilfe

Mit dem Veranstaltungsverbot war Tabea Hüberli von einem Tag auf den andern praktisch ohne Arbeit. Bands, die nicht spielen, benötigen keine Bilder. Konzerte, die nicht stattfinden, können nicht dokumentiert werden. Der Fotografin blieben ein paar kleine grafische Aufträge.

Sie habe sich daher sofort bei der Sozialversicherungsanstalt (SVA) des Kanton Zürichs gemeldet und sobald das möglich war, einen Antrag für die Entschädigung des Erwerbsausfalls eingereicht. Auf eine erste Antwort musste sie bis am 20. Mai warten.

Das Problem: Hüberli kann die Ausfälle nicht dokumentieren. Denn welche Konzerte sie fotografieren wird, ist fast nie schriftlich vereinbart. «Das läuft in der Szene anders. Ich arbeite für verschiedene Bands und schaue, wann ich welche Konzerte besuche, was wichtig ist. Es gibt keine Aufzeichnungen darüber.» So steht sie zum Beispiel nie auf dem Flyer einer CD-Taufe, auch wenn für alle Beteiligten klar ist, dass sie bei einem solchen Anlass mit der Kamera dabei sein wird.

«Ich bin mehr K.O. als ich jemals war»

Tabea Hüberli

Zum Glück habe sie Unterstützung von Freunden und Familie, sagt sie, denn ihre finanzielle Situation sei im Moment wirklich prekär. Noch grösser scheint im Gespräch allerdings die psychische Belastung. «Ich bin mehr K.O. als ich bei voller Agenda jemals war und wäre schon froh, wenn ich wieder einmal eine Nacht durchschlafen könnte», sagt Tabea Hüberli, die sich selbst kaum wiedererkenne und sich eigentlich als lebensbejahenden Menschen bezeichnet.

Der Papierkram sei anstrengend. Hinzu kommt eine grosse Enttäuschung: «Bis jetzt dachte ich, dass man sich in der Schweiz keine existenziellen Sorgen machen muss.» Obwohl rasche, unbürokratische Hilfe versprochen wurde, sei das System der Kultur offenbar nicht verstanden worden. «Das war ein Schlag in den Magen.» Erst am 11. Juni ist ein kleiner Betrag von der SVA eingetroffen. Das Gesuch bei Suisse Culture sei noch offen.

Micha Riechsteiner: Mit einem blauen Auge davongekommen

Von den drei befragten Fotoschaffenden ist Tabea Hüberli diejenige, welche die Situation besonders stark getroffen hat. «Mit einem blauen Auge davongekommen» ist hingegen Micha Riechsteiner. Er betreibt mit drei Mitarbeitenden ein Fotostudio in Worb und lebt von der Werbe-, People- und Reportage-Fotografie.

«Wir haben vor dem Lockdown gespürt, dass die Leute verunsichert sind», erzählt Riechsteiner. Offerten wurden nicht mehr beantwortet, Events abgesagt. Mit dem Eintreten der strengen Massnahmen mussten dann über zehn Aufträge abgeblasen werden. «Als Chef ist man da vor allem am Organisieren. Man fragt sich, wie es weitergeht, wie man die Mitarbeiter bezahlen kann». Noch bevor der Bund die Details zur wirtschaftlichen Unterstützung bekannt gab, lancierte Riechsteiner um seine Ausgaben zu decken Gutscheine, mit denen Kunden Dienstleistungen vorfinanzieren konnten.

«Man fragt sich, wie es weitergeht, wie man die Mitarbeiter bezahlen kann».

Micha Riechsteiner

Für seine Mitarbeitenden erhielt Riechsteiner Kurzarbeit. So war er eine Zeit lang der einzige im Atelier, der noch kleine Arbeiten – etwa im Bereich Produktfotografie ­– erledigte. Unter dem Strich fehlt dennoch etwa ein Monatslohn, wie er sagt. Dies auch, weil die Miete fürs Studio trotz Einschränkungen voll und ganz weiterlief. «Der Vermieter liess leider nicht mit sich reden».

Die Zeit im Lockdown nutzte Micha Riechsteiner auch, um einen Bilder-Shop auf seiner Website einzurichten. Und er blieb natürlich in Kontakt mit den Mitarbeitenden im Homeoffice. Mit ihnen ging er jede Woche ein fotografisches Thema an, das es zuhause umzusetzen galt. Zum Beispiel «Licht und Schatten». Die Aufgabe sollte vor allem auch den Lernenden fit halten, der nun vollkommen selbständig arbeiten musste. «Eigentlich eine gute Herausforderung», findet der Chef.

Florian Spring: «Money Jobs» weggefallen

Für Florian Spring schliesslich fiel der Lockdown mit der Publikation einer grossen Geschichte beim Recherche-Netzwerk «Reflekt» zusammen, bei dem er mitwirkt. Danach hiess es auch für ihn: sechs wichtige Aufträge fallen weg. Für Spring, der oft auch an eigenen Themen arbeite und zuvor in diesem Jahr erst einen «Money Job» hatte, wie er es nennt, bedeutet das eine grosses Defizit.

Von der Ausgleichskasse erhält Spring gemäss eigenen Angaben lediglich 20 Franken im Tag. Zudem bezieht er jedoch Nothilfe von Suisse Culture und einer Bank. Ein weiteres Gesuch beim Amt für Kultur ist noch ausstehend.

«Ich habe viele Ideen gesammelt, Gespräche geführt und Freundschaften gepflegt»

Florian Spring

Im Gespräch ist Florian Spring dennoch guter Dinge. Er nennt positive Seiten der letzten Wochen. Als gelernter Schreiner nehme er sich sowieso alle paar Monate Zeit, um etwas zu bauen. Gleichzeitig war er vermehrt im Austausch mit anderen Künstlern. «Ich habe viele Ideen gesammelt, Gespräche geführt und Freundschaften gepflegt». Da er kein teures Studio hat und einen einfachen Lebensstil führe, sei die finanzielle Einbusse zwar schmerzhaft, aber verkraftbar.

Als nächstes wird Florian Spring mehrere Wochen als Artist in Residence am Verzasca Foto Festival verbringen. Dann geht es bei anderen Projekten weiter. «Ich freue mich sehr darauf, was jetzt kommt», blickt der Fotograf positiv in die Zukunft.

Geduld und Zuversicht

Bei Micha Riechsteiner sind derweil die ersten neuen Aufträge reingekommen. Seit vier Wochen ist ein zweiter Mitarbeiter wieder mit ihm im Studio. Erste Shootings konnten – natürlich unter Einhaltung der Schutzbestimmungen – wieder stattfinden. «Wir sind zuversichtlich, dass es wieder anzieht», sagt er.

Und Tabea Hüberli? Sie scheint noch etwas mehr Geduld zu brauchen. Zumal die grossen Festivals abgesagt sind und die neuen Programme der Konzertlokale erst wieder aufgegleist werden müssen. So sind bei ihr bis jetzt noch keine neuen Aufträge in Sicht. «Im Moment schaue ich einfach von Tag zu Tag, wie es weitergeht». Gefragt nach kommenden Konzerten schwingt in ihrer Stimme dennoch Vorfreude mit: «Es wird sicher speziell und auch emotional.»

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