Somalia, 2017, © Dominic Nahr
Interview mit Dominic Nahr

„Mit dem Herzen bin ich ganz nahe“

An der Photo Münsingen zeigte Dominic Nahr Bilder aus verschiedenen Krisengebieten Afrikas. Der in Heiden (AR) geborene und in Hong Kong aufgewachsene Reportagefotograf lebte neun Jahre in Kenia. Im Interview spricht er über die Idee hinter der Ausstellung und die Nähe zu den Fotografierten.

Dominic Nahr, deine Ausstellung an der Photo Münsingen handelt vom Kampf um Ressourcen und den Konsequenzen davon. Was ist die Idee dahinter?

In den letzten zehn Jahren habe ich in Afrika Geschichten fotografiert, in denen es um Ressourcen geht: Öl, Gold, Kassiterit, Weideland oder Wasser und Fischerei. Ich fand, für die Ausstellung im Freien, bei der man von Bild zu Bild geht, passt eine Zusammenstellung von Bildern aus verschiedenen Ländern. Jedes Bild enthält eine Minigeschichte über diesen Kampf um die Ressourcen und die Konsequenzen davon. Gerade in der Schweiz, wo das Wasser so rein ist, passt das Thema. Man kann überall Wasser trinken. Das ist das erste, was mir in der Schweiz aufgefallen ist.

Hast du in Afrika gezielt Konflikte um Ressourcen fotografiert?

In vielen Kriegsgebieten geht es um Ressourcen. Kongo zum Beispiel, das war mein erster Einsatz auf diesem Kontinent. Der Krieg findet ganz klar zwischen verschiedenen Gruppen statt – Regierung oder Milizen –, die die Kontrolle über die Bodenschätze haben. Man ist also automatisch bei diesem Thema. Oder auch im Norden Kenias, da gibt es konstant Konflikte wegen dem Weideland.

Wie wählst du die Orte aus, die du besuchst?

Meistens gehe ich an einen Ort, weil sich dort gerade eine Geschichte entwickelt. Bei vielen von diesen Geschichten musst du sehr schnell sein, damit du der erste bist, der dort ist und die Bilder macht. Aber es ist jedes Mal anders. Manchmal muss ich ganz weit reisen, um ein Bild zu machen. Manchmal komme ich schnell hin. Und manchmal muss ich fünf Tage warten, bis ich Zugang erhalte.

Das heisst, du hörst etwas oder bekommst einen Auftrag und fährst los…

Beides. Oft bin ich einfach gegangen. Logistik ist ein grosser Teil meiner Reportagearbeit. Das Bild zu machen, ist nur ein ganz kleiner Teil meines Jobs. Zuerst einmal muss ich die Geschichte recherchieren, überhaupt wissen, was los ist. Kontakte haben, die mir aktuelle Informationen geben können. Dann hinreisen – wie komme ich dort hin? Gibt es Strassen oder musst du mit dem Helikopter hin? Kann das Flugzeug landen, obwohl Regenzeit ist? Es ist immer ein Bisschen anders. In Somalia zum Beispiel hatte ich fünfzehn Bodyguards, damit ich nicht gekidnappt werde. An andern Orten hast du nur eine Person dabei, damit du so wenig wie möglich auffällst.

Welche Kameraausrüstung verwendest du?

Ich arbeite seit einigen Jahren mit kleinen Kameras, insbesondere mit den Sucherkameras der Leica M Serie. Mit diesen Kameras zu reisen ist viel unauffälliger und ermöglicht mir besser zu verschwinden – ich wirke weniger bedrohlich. Ich arbeite gerne mit dem Sucher und dem manuellen Fokus, so bin ich mehr in der Szene. Ich muss überlegen, den Fokus ständig anpassen – mir meiner Umgebung bewusst sein und vollständig in sie eintauchen.

Deine Bilder wirken sehr respektvoll. Wie gelingt das?

Ich glaube, nach so vielen Jahren in Afrika habe ich ein Verständnis dafür, welche Bilder ich machen kann, um die Geschichten mit Respekt zu erzählen. Die Bilder von Afrika sollen durch die Farben und Kompositionen nicht nur schrecklich wirken. Auch wenn vieles schrecklich ist, sollen sie ebenfalls Afrikas innere Stärke zeigen. Deshalb bin ich auch geblieben. Weil ich mich in die Länder Ostafrikas verliebt habe, in den Boden, die Küche, die Leute, diese Energie. Dass ich in Kenia gelebt habe, war einer der wichtigsten Faktoren, nahe an den Geschichten Ostafrikas und des gesamten Kontinents zu sein.

Wie schaffst du es, nahe und mit Respekt an die Leute zu kommen?

Man ist selbst verletzlich und die Leute merken das und öffnen sich.

Dominic Nahr

Wenn man offen ist mit den Leuten, dann sind sie auch offen. Ich glaube, das ist eine Partnerschaft. Man ist selbst verletzlich und die Leute merken das und öffnen sich. Aber auch die Kompositionen und das Licht sind wichtig für mich, damit das im Bild harmoniert. Und auch ein bisschen Abstand ist gut, physisch meine ich, nicht mit dem Herzen. Mit dem Herzen bin ich ganz nahe. Robert Capa hat ja gesagt: „If your pictures aren’t good enough, you’re not close enough“. Ich glaube, das hat auch mit dem Herzen zu tun.

In welchen Momenten legst du die Kamera weg?

Ich habe öfters die Kamera weggelegt, wenn es zu viel wurde. Du merkst, wer weitermachen kann und wer eine Pause braucht. Ich bleibe aber immer so lange, wie ich kann. Wenn man mit Leuten zusammen ist, kann man auch abwarten was passiert. Es geht nicht darum, einfach ein Bild zu machen und dann zufrieden zu sein. Ich bleibe zum Beispiel bei einer Familie bis in die Nacht, wenn möglich bis alle schlafen. Natürlich lege ich die Kamera auch weg, wenn ich etwas tun kann und niemand anderes da ist um zu helfen.

Heisst das auch einander kennenlernen?

Ja, indem ich offen bin zu den Leuten. Ich zeige mich so wie ich bin und hoffe, dass sie das ebenfalls tun. Sobald dies dann geschieht, versuche ich einen Schritt zurück zu treten, so dass das Leben weiterlaufen kann als wäre ich nicht da.

Du sprichst dann also nicht mit den Leuten sondern beobachtest einfach…

Ich kommuniziere sehr viel mit der Körpersprache und mit den Augen. Ich schaue auch zu, wie die Leute sprechen. Ich verstehe zwar die Sprache häufig nicht, aber verstehe oft, was sie meinen.

Wie hast du gelernt als Reportagefotograf zu arbeiten?

Ich bin in Hong Kong aufgewachsen und dort recht schnell Zeitungsfotograf geworden. Kleine Reportagen, Portraits… ich war immer in Bewegung, hatte einige Aufträge pro Tag. Das ist ein gutes Training, bei einer Zeitung zu arbeiten. Da bist du sehr beschäftigt, lernst schnell reagieren, schnell überlegen, schnell die Bilder rausschicken. Das andere ist einfach: ich war interessiert, war neugierig.

Du machst diese Arbeit für dich?

Wenn du im Kriegsgebiet bist, dann fotografierst du, wie die Geschichte sich schreibt.

Dominic Nahr

Ja, auf jeden Fall. Ich musste das nie machen, ich wollte es. Die Motivation ist aber auch, dass du an der Front der Geschichte bist, sehr nahe zur Realität kommst. Wenn du im Kriegsgebiet bist, dann fotografierst du, wie die Geschichte sich schreibt. Wenn du der einzige Fotograf bist vor Ort und die Bilder machst, die in fünfzig Jahren für ein bestimmtes Ereignis stehen, ist das spannend. Ich habe oft einfach gedacht, ich fotografiere für die Geschichte, nicht für jetzt. Aber in den letzten paar Jahren hat sich das verändert.

Weisst du im Moment, in dem du ein Bild machst, dass es ein tolles Bild wird?

Ich weiss es, wenn ich gute Bilder mache, und wenn es nicht so gut läuft. Wenn es richtig klappt, dann merke ich nicht einmal mehr, dass ich eine Kamera in der Hand halte. Ich bin so fokussiert, du könntest mir irgendeine Kamera in die Hand geben. Alles ist auf Autopilot: Komposition, Belichtung, Fokus… alles funktioniert. Ich schaue durch die Kamera hindurch. Ich habe das ein paarmal erlebt. Ich schaue auch nicht gerne auf dem Display. Vielleicht am Anfang des Tages kurz, um zu sehen, ob ich es noch kann.

Zurück zur Photo Münsingen: Was reizt dich daran, hier auszustellen?

Ich habe früher mit vielen Magazinen gearbeitet. Und ich dachte immer, das funktioniert. Die Leute werden diese Bilder anschauen und irgendwie wird da etwas passieren. Aber das ist nicht immer vorgekommen: Ich habe den Leuten Sachen erzählt, die sie schon gewusst haben… In die Schweiz zu kommen, hat auch damit zu tun, dass ich bezüglich dem Publikum nicht mehr global denken will sondern näher bei den Leuten. Ich möchte mehr Leute erreichen, die diese Geschichten sonst nicht unbedingt sehen würden. Und ich habe gemerkt: Die Schweizer sind sehr interessiert an diesen Geschichten und diesen Bildern. Die Photo Münsingen hat eine geeignete Grösse und ich glaube, gerade an der Photo Münsingen, wo es so viele Fotografen hat, besteht ein Interesse.

Was würdest du Fotografen raten, die lernen möchte, in deiner Art Reportagen zu fotografieren?

Das wichtigste ist, an einem Thema Interesse zu haben, nicht nur daran, Fotograf zu sein.

Dominic Nahr

Das wichtigste ist, an einem Thema und einer Geschichte Interesse zu haben, nicht nur daran, Fotograf zu sein. Wäre ich nicht Fotograf, würde ich wohl Film oder eine andere Form der Kommunikation wählen. Training ist wichtig, so viel wie möglich zu fotografieren, Fehler machen, Sachen ausprobieren. Und auch historische und zeitgenössische Fotografen studieren. Für mich hiess das, in Bibliotheken zu gehen und Fotobücher anzuschauen, verschiedene Stile und Kompositionen kennenzulernen und zu sehen, wie Sequenzen funktionieren um eine Geschichte in Bildern zu erzählen.


Dominic Nahr. (Foto: Tobias Kühn)

Dominic Nahr wurde 1983 in Appenzell geboren, wuchs in Hongkong auf und verlegte 2009 seinen Wohnsitz nach Nairobi. Neben zahlreichen Covers des Time Magazin wurden seine Bilder vom National Geographic, The New Yorker, Stern, Spiegel, Schweizer Illustrierte und NZZ publiziert. 2017 zog er zurück in die Schweiz, wo er heute neben seiner internationalen Tätigkeit auch bei Republik Magazin wöchentlich ein Audio-Foto-Essay veröffentlicht. Nahr ist Preisträger eines World Press Photo sowie eines Swiss Press Photo Awards. 2015 wurde er von der Swiss Photo Academy zum Fotograf des Jahres gekürt. Er ist Leica-Ambassador und Gründungsmitglied der Agentur MAPS.

www.dominicnahr.com

0 Kommentare zu “„Mit dem Herzen bin ich ganz nahe“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.